Geschichten aus dem Alltag

    Helgas Garten aus Asphalt

    27. Juni 2026

    18:30 Uhr in Leipzig: Sengende Hitze, Temperaturrekorde überall. Im Kopf läuten Alarmglocken, Unbehagen im Bauch, Zukunftsangst, Wut auf die Politik, die nichts unternimmt gegen diese Klima-Geschichte.

    Die Straßen sind leer, der Teer dampft. Ich musste kurz mit dem Hund raus, weil wir den ganzen Tag drinnen verbracht haben und Hunde eben manchmal rausmüssen.

    Da treffe ich sie: geblümtes Kleid, Mitte 70. Sie steht an der Bushaltestelle in der Nähe meiner Wohnung.

    Neben ihr auf dem Boden liegen eine Harke, ein kleiner Besen und eine einzelne Krücke. Mit einer zwei Liter PET-Flasche Wasser in der Hand gießt sie sieben junge Pflänzchen, die sie dort direkt unter eine Linde gepflanzt hat.

    Kurz denke ich: Das muss eine Fata Morgana sein.

    Im Vorbeigehen lächle ich sie an. Danke, dass Sie das machen. Sehen schön aus, die Pflanzen. Sie lächelt zurück. Und beginnt einen Monolog auf Russisch.

    Ich verstehe kein Wort. Sie gestikuliert. Sie lacht. Sie wird emotional, nachdenklich, dann wieder verschmitzt. Ich muss nichts tun außer nicken. Manchmal sage ich: Da.

    Während sich ihr Mund ohne Pause bewegt, beobachte ich sie. Lachfalten, die ihr ganzes Gesicht überziehen und die genauso viele Geschichten erzählen wie ihre Besitzerin. Die unzähligen pinken, lila und türkisfarbenen Blumen auf ihrem Kleid. An ihren Ohren zarte, silberne Steine, die ein Kreuz ergeben.

    Eine Goldkette um den Hals und grüne Augen, die mich so wissend anschauen, als würden wir uns kennen aus einer längst vergangenen Zeit.

    Sie deutet auf ein Haus direkt nebenan, zeigt auf die Wohnung im zweiten Stock. Ich verstehe: Diese einzelne Linde mitten auf dem Asphalt ist so etwas wie ihr Garten. Überhaupt verstehe ich immer mehr, je länger sie spricht.

    Was ich nicht verstehe: Wie viel Stoizismus muss in dir sein, um bei 37 Grad und Weltuntergangsstimmung neues Leben in Kiesel zu pflanzen? Wie viel Hoffnung brauchst du, um zu denken, dass diese jungen Pflänzchen das überleben? Und: Warum machen wir das eigentlich nicht alle so?

    Wir beginnen einvernehmlich, die Blätter der Linde, die jetzt schon auf die kleinen Pflänzchen gefallen sind, zu entfernen und wahllose Häufchen zu bilden. Ein Unterfangen, das ungefähr so sinnvoll ist wie Katharina Reiches Klimapolitik. Der Hund legt sich bereitwillig auf den heißen Boden.

    Was mit meinen Beinen passiert sei, fragt sie und deutet auf meinen Verband. Kriebelmücken, antworte ich selbstbewusst und sie nickt. Wie sie heiße, frage ich und zeige auf sie. Helga, sagt sie. Und ich? Ann-Sophie. Katharina? Ja. Passt. Wir lachen.

    Als wir uns zum Abschied ein letztes Mal anlächeln, sind meine Augen nass. Ich schaue mehrmals zurück, um mich zu vergewissern, dass sie da wirklich noch steht und winkt.

    Als ich meine Tür aufschließe, sage ich zum Hund: Wahrscheinlich haben wir gerade Gott getroffen. Ich wusste immer, dass er eine Frau ist.